Nervenprobe

Beschriebener Streckenabschnitt: Can Tho (Vietnam 🇻🇳) – Prek Chak (Kambodscha 🇰🇭); 210 km; 3 Tage (09.03.2017 – 11.03.2017)

Nach unserer Übernachtung in Can Tho waren wir, trotz schönem Hotelzimmer im Hotel Quang Sang auch am Morgen noch immer ziemlich erledigt. Zum einen merken wir, wie uns die Hitze während dem Radfahren zusetzt und zum anderen hatten wir in Vietnam noch nicht viel gutes Essen gefunden (wir hatten aber kaum Energie mehr am Abend welches zu suchen). Auf den ersten Blick entsprach das Essensangebot (abgesehen von den zahlreichen sehr guten Früchten) nicht unbedingt unserem Geschmack. Aber dazu später mehr.

Nur bei halben Kräften entschieden wir uns, anstatt an diesem Tag 110km bis nach Rach Gia zu fahren und dann dort einen Pausentag zu machen, diese Strecke auf zwei Radtage aufzuteilen. So fuhren wir also am Donnerstag 9. März von Can Tho nach Vi Thanh. In der App Maps.Me suchten wir, wie praktisch täglich, eine Route mit der wir große Straßen möglichst vermeiden können und so hieß es gleich mal zusammen mit vielen Mopedfahrern und ein paar Kindern auf Fahrrädern mit der Fähre über einen der unzähligen Mekong-Arme (wir befinden uns ja gerade mitten im Mekong-Delta) überzusetzen.

Auf der anderen Seite stellten wir dann aber rasch fest, dass der von uns für heute gewählte Weg wohl doch ein wenig zu klein war. Es war im Prinzip ein schmaler Trampelpfad entlang welchem unzählige Häuser standen.

Ständig wurden wir von Mopedfahrern überhohlt oder diese kamen uns auf sehr schmalen Brücken (natürlich ohne Geländer) entgegen.

So schön die Landschaft war, so machte es wenig Spaß und war noch dazu gefährlich, also fuhren wir bei der nächsten Gelegenheit zur großen Verbindungsstraße von Can Tho nach Vi Thanh. Auf der Straße gab es einen Seitenstreifen und herrschte normaler Verkehr und so konnten wir die veränderte Landschaft genießen. Im Gegensatz zu den Vortagen wo klar der Mekong und seine vielfach verzweigten Flussarme die Landschaft prägten, so dominierten hier wieder die Reisfelder.

Während einer kurzen Früchte-Essenspause auf einer Brücke bemerkten wir plötzlich wie zwei Männer unter uns im Fluss mit einem Netz durch das schlammige Wasser, welches ihnen bis zum Hals stand, wateten. Nachdem sie aus dem Wasser heraußen waren, zeigten sie uns stolz einen Kübel voller verschiedener Fische. Die beiden hatten sich wohl gerade ihr Mittagessen (und das ihrer Familien) gefangen.

Am Nachmittag als wir in Vi Thanh eintrafen checkten wir im erst besten Hotel das wir fanden ein. Es war zwar ein sehr einfaches Zimmer, aber für umgerechnet 8,20€ kann man, wenn es noch dazu sauber ist, einfach nichts sagen.

Wir duschten, legten uns hin und schliefen bereits kurz nach 18:00 ein – so erledigt waren wir.

Um 5:45 klingelte am Freitag Morgen, 10. März, der Wecker. Wir waren zwar hungrig, aber den Benzinkocher konnten wir im Hotelzimmer ja schlecht anheizen. So fuhren wir ein paar Meter aus der Stadt hinaus und kochten uns auf einem Gehweg entlang eines Flusses Wasser auf, um Müsli machen zu können.

Als wir dann endlich die ersten Bissen in unseren leeren Mägen hatten, fingen wir an so langsam das Leben auf dem Fluss warzunehmen. So erblickten wir eine Frau in ihrem kleinen Boot, welche Gemüse an die Bewohner von größeren Booten verkaufte oder gegen andere Waren tauschte…

Aber auch einen Mann der in einer richtigen „Nussschale“ über den Fluss padelte…

Oder eine Gruppe von vier Frauen die in den für Vietnam typischen Kegelhüten am Fluss entlang liefen…

Mit vollem Magen ging es dann weiter Richtung Rach Gia. Während der Verkehr immer mehr zunahm, nahm die Straßenqualität langsam ab und waghalsige Überholmanöver von LKW-, oder Busfahrern kamen vor.

Aber wir sahen auch immer wieder Sachen, die uns aufheiterten. Dazu gehört hier in Vietnam ganz klar, dass man überall Hängematten findet. Die Vietnamesen scheinen Weltmeister im Hängemattenliegen zu sein. So hat selbst die Marktfrau bei ihrem kleinen Verkaufsstand entlang der Straße zur Sicherheit gleich zwei Hängematten dahinter aufgehängt…

Oder wie hier, wo Bierkisten vom LKW auf ein Boot umgeladen wurden um das Lieblingsgetränk der Vietnamesen (ihr glaubt gar nicht wie viele hier bereits Mittags anfangen Bier zu trinken – ja, auch die Frauen) auch ja überallhin zu bringen.

An jeder Ecke sieht man Brautkleider im Schaufenster (eine schöne Abwechslung zu den Särgen…).

In Rach Gia angekommen nahmen wir uns ein farbenfrohes Hotelzimmer, wuschen Wäsche und wollten dann Zwecks Nahrungsaufnahme noch etwas in der Stadt spazieren gehen. Das erste Lokal servierte uns zum Gemüse gleich einen Tintenfisch (pfui) mit.

Da auf der Speisekarte aber auch Schlangen (falsche Übersetzungen sind in Südostasien ganz normal, man braucht manchmal nur ein wenig Phantasie was es heißen könnte … hier wurde Snake aber gleich zweimal unterschiedlich falsch geschrieben), Schildkröten oder Frösche standen, waren wir eh noch gut davon gekommen.

So durchstreiften wir die Stadt auf der Suche nach Essen am Abend nochmals, denn unseren  Körpern fehlte die notwendige Energie für Radfahrstrapazen. Die Suche endete bei einem Straßenstand, der auf unsere Bitte ein Brot mit Gemüse und zwei Spiegeleiern zubereitete. Auf die Vogeleier, sowie das Hackfleisch welche eigentlich zum „Standardburger“ dazugehören verzichteten wir gerne. So aber war das belegte Brötchen ganz gut und wir bestellten gleich noch zwei. Nun waren dem Verkäufer aber die Hühnereier ausgegangen und so sprang er schnell auf sein Moped, brauste davon und kam mit einer Ladung Eier wenige Minuten später wieder zurück.

Am Samstag 11. März stand dann eine längere Etappe nach Hà Tiên an und die 94km sollten es so richtig in sich haben. Besonders die letzten 20km.

Wieder einmal machten wir uns ohne großes Frühstück auf den Weg, was ein Fehler unsererseits war, denn mit leerem Magen ist man gereizter und unsere Nerven sollten heute noch mehrmals geprüft werden.

Während der Verkehr immer mehr zunahm, nahm die Straßenqualität, sowie die Breite des Seitenstreifens langsam aber zunehmend ab und unsere Nerven wurde immer öfters durch waghalsige Überholmanöver von LKW-, oder Busfahrern schwer geprüft.

Vor allem bei den Busfahrern fragten wir uns manchmal, ob die schon noch alle Tassen im Schrank haben. Während wir schön brav möglichst am Straßenrand dahinfuhren überholten uns wie immer ständig die überall präsenten Mopeds, dann kommen noch Geländewagen, LKW’s und die bereits erwähnten Bus dazu. Anders als in Ho Chi Minh City, wo aufgrund der unglaublichen Menge an Verkehr zumindest meist eine gewisse Ordnung herrschte, so war es hier pure Anarchie. Wir hatten den Eindruck, dass es auf dieser Straße grundsätzlich keine Verkehrsregeln zu geben scheint. Um beim Einbiegen in eine Straße nicht zu lange warten zu müssen bis es eine Lücke gibt bei der man auf die richtige Straßenseite wechseln kann, fahren praktisch alle Mopedfahrer in Südostasien und China zuerst als Geisterfahrer bis sich eine Lücke auftut und man gemächlich auf die richtige Seite wechselt. An das haben wir uns nun schon gewöhnt. Nun stellt euch vor ihr fährt (auf der richtigen Seite) dahin, werdet ständig von Mopeds und Geländewagen überholt. Plötzlich kommt euch ein „Mopedgeisterfahrer“ entgegen, ihr müsst also mehr Richtung Fahrbahnmitte lenken um vom Seitenstreifen weg zu kommen und damit diesem Geisterfahrer auszuweichen. In dem Moment hört ihr hinter euch ein Horn dessen Lautstärke euch bereits fast die Trommelfeller zerreißt (ein Feuerwehrauto mit eingeschaltenem Martinshorn ist angenehm leise dagegen) und im Seitenspiegel seht ihr eine Staubwolke hinter euch welche durch einen heranbrausenden LKW aufgewirbelt wird. Natürlich kommt auf der Gegenfahrbahn gerade auch ein LKW. Wo bei uns zu Hause der LKW Fahrer hinter uns so langsam auf die Bremse drücken würde gibt der hier Gas, aber was sehen wir da im Seitenspiegel? Der von hintem heranbrausende LKW wird gerade noch von einem, eine laute Warnmelodie spielenden, Bus überhohlt. Der Busfahrer hält seinen Bus genau in der Mitte der zwei Fahrbahnen und gibt keinen Zentimeter weder nach links oder rechts nach und so können wir, als alle Fahrzeuge auf gleicher Höhe sind (Aufzählung von links nach rechts: LKW auf Gegenfahrbahn, laut trötender Bus der in der Mitte fährt, von hinten heranbrausender LKW der mittlerweile neben uns ist, wir ein paar Zentimeter daneben auf dem Schotter des Straßenbankets, irgendwo neben uns noch der Mopedgeisterfahrer) nur mit Entsetzen zusehen wie irgendwie alle mit ein paar Zentimeter Abstand aneinander vorbeirauschen. Unglaublich wir leben noch, haben aber ein paar Nerven verloren. Diese Vorgang wiederholt sich alle paar Kilometer. Nein, so macht uns das auf den letzten 20km vor Hà Tiên keinen Spaß und wir können so manche Schreckensberichte über das Radfahren in Vietnam nachvollziehen! Aber eine kurze Strecke oder ein anstrengender Tag solle nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Radfahren in Vietnam mit sehr vielen Eindrücken verbunden ist. Der Hauptgrund für das Verkehrschaos im Gebiet Rach Gia und Ha Tien ist unserer Meinung, dass es hier nur eine Strasse gibt. Die grossen Fahrzeuge hatten also keine Ausweichalternative wie zwischen Ho Chi Minh City und Can Tho.

Waghalsige Überholmanöver gehen aber leider nicht immer gut aus, was auch die Unfallstatistiken für Vietnam eindrücklich zeigen und deshalb sahen wir auf der Straße auch immer wieder Unfallzeichnungen…

Zudem raste die vietnamesische Ambulanz regelmäßig mit Blaulicht an uns vorbei. Wir selbst haben jedoch nie einen Unfall mit eigenen Augen gesehen.

Interessant auch immer wieder die Gründe zu sehen warum eine Straße plötzlich schmaler wird, wenn diese zum Beispiel wie hier genutzt wird um Reis zu trocknen…

… Oder mal wieder die kunterbunten Märkte in den Städten oder entlang der Straße…

Oft wurden wir begrüßt. So gab es viele Kinder die uns fröhlich zulächelten…

… Oder mit uns mit rannten…

… Oder Mädchen die uns auf ihren Rädern überholen…

… Oder Männer, die helfen ein Kabel zu spannen, sich einfach auf dieses draufsetzen…

…Oder Frauen, die sich freuten, dass wir auch das Rad bevorzugen.

Spannend zu sehen waren die Schiffe, die so vollgeladen sind, dass sie bei der kleinsten Welle volllaufen und untergehen würden …

… Oder zu sehen was mal wieder alles auf einem Moped Platz hat…

…Oder wie das Eis zum Endverbraucher bei 35°C im Schatten transportiert wird.

Wir entdeckten an diesem Tag aber auch eine scharfen Geruch in der Luft und erkannten dann, dass es sich bei diesen kleinen Kügelchen, die zum trocknen in der Sonne liegen um Pfeffer handelt.

Oder entdeckten unbekannte Bäume mit komischen Früchten (mittlerweile wissen wir, dass es sich um die Durian handelt, von der man lieber die Finger lassen sollte). 

Auch trafen wir auf eine Gruppe Wasserbüffel die ein genüssliches Bad in einem kleinen Schlamsee nahm…

Leider ist Vietnam aber auch wieder eines jener Länder wo die Abfallbeseitigung noch nicht klappt und so sieht man am Straßenrand oft Müll oder wie auf dem nächsten Bild zu erkennen ist der Strand am Meer von Müll geradezu bedeckt…

Natürlich legten wir bei dieser langen Strecke in der vietnamesischen Winterhitze (auch wenn offiziell noch Winter ist, es ist heiß und der Schweiß rinnt aus allen Poren) viele Pausen ein. So schlürften wir leckeren frisch gepressten Zuckerrohrsaft oder wie hier umringt von unzähligen Kindern Kokosnusssaft direkt aus der frisch geernteten Kokosnuss. Am liebsten würden wir eine Zuckerrohrsaftpresse und genug Zuckerrohr gleich mit nach Hause nehmen.

Der älteste Junge zeigte uns, dass er mit einem großen Hackbeil bereits gut umgehen kann und die Kokosnuss war mit wenigen gezielten Schlägen geöffnet.

Stolz präsentierte er uns die Kokosnusshälften, sodass wir nach dem trinken des Safts noch das Fleisch herauslöffeln konnten.

Als wir dann endlich Hà Tiên erreichten, waren wir glücklich keinen Schrammer abbekommen zu haben. Ein Hotel zu finden war dann zum ersten Mal in Vietnam nicht so einfach, denn es hatte unzählige, aber alle waren bereits ausgebucht, da es sich um eine vietnamesische Touristenstadt handelt. Nun wurde uns auch klar warum so viele Busse unterwegs waren…irgendwie hatten die Gäste ja hergebracht werden müssen. Auf der Straße stoppte dann aber ein Mopedfahrer und führte uns zu einem Hotel wo wir noch ein günstiges und gutes Zimmer bekamen. Erledigt vielen wir hin und machten uns nicht mal mehr die Mühe etwas Essen zu gehen. Der leere Magen und die strapazierten Nerven werden sich dann ab dem Sonntag in Kambodscha hoffentlich etwas erholen können.

Am Sonntag fuhren wir dann die letzten 7km bis zur Grenze. Dabei stießen wir nochmals auf etwas Kurioses. So hatte jemand tausende Shrimps zum trocknen mitten auf einer Seitenstraße ausgelegt. Na hoffentlich muss da heute niemand durchfahren 😆

An der Grenze hieß es dann den Ausreisestempel beim „Check-Out“ Schalter abzuholen und für uns hieß es vorerst auf Wiedersehen Vietnam.

Wir sind froh den Vietnam doch noch besucht zu haben (auch wenn wir dieses Land aufgrund von den Verkehrsberichten anderer Radfahrer zwischenzeitlich von unserer Tour durch Südostasien gestrichen hatten – was echt Schade gewesen wäre). Interessante Kultur, unglaublich viele Menschen (bis auf einen kurzen Küstenabschnitt entlang des Meeres) leben entlang der Straßen, sodass praktisch Haus an Haus steht – mit nur wenigen Unterbrechunen von bewirtschafteten Feldern. Mit dem Essen freundeten wir uns allerdings nicht so an und der Verkehr forderte auch viel Konzentration…

Aktueller Standort: Phnom Penh (Kambodscha 🇰🇭)

Aktueller Kilometerstand: 11751 Kilometer

Nächstes Ziel: Siem Reap (Kambodscha 🇰🇭)

Johannes

4 Gedanken zu „Nervenprobe“

  1. Liabi Regula

    Wau! Euri Biträg sind soo spannend und idrücklich! Miar händ hüt grad a kli umagstöberet uf eurem Blog. Miar sind richtig ins Träuma ko :-D.
    Miar wünschend eu witerhin ganz a spannendi und wundeschöni Reis.

    Liabi Grüass us Züri
    Lena & Ursina

    1. Freut mich sehr von meinen Bürokolleginnen zu hören! Träumen ist gut – aber Achtung! – zuviel Träumen führt dazu, dass man eines Tages beschliesst mit dem Rad um die Welt zu fahren

    1. Ich kann’s mir gut vorstellen und weiss, dass es mir auch so gehen wird beim Lesen von Reiseblogs zu Hause…aber eigentlich gut, denn die Errinnerung ist das was bleibt und es wäre schade, wenn sie’s nicht geben würde.

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