Im Radlerparadies

Beschriebener Streckenabschnitt: Groningen (Niederlande 🇳🇱) – Amsterdam (Niederlande 🇳🇱); 279 km; 4 Tage (10.05.2017 – 13.05.2017)

Am Mittwoch, 10. Mai 2017, schwangen wir uns nach fast zwei Wochen Pause wieder auf unsere Reiseräder und machten uns auf, um das Land der Windmühlen, zu erkunden. Nach einem guten Frühstück zusammen mit Regula’s Papa in der Bäckerei in der wir in Groningen übernachteten, packten wir die Taschen, verabschiedeten uns und starteten in Richtung Norden um an die Nordsee zu gelangen. Der Weg aus der Stadt hinaus war trotz der vielen Radwege (auf niederländisch „fietsepad“ genannt) einfach zu finden und so hatten wir diese schöne von Radfahrern dominierte Stadt bald hinter uns gelassen. Nun fuhren wir durch sehr schöne saftig grüne Landschaften. Dabei fuhren wir vorbei an oder über unzählige Brücken, die entweder als ganzes hochgehoben, aufgeklappt oder zur Seite gedreht werden konnten, damit die Schiffe auf den genauso unzähligen Kanälen passieren konnten. 

Sobald man in den Niederlanden aus den Städten oder Dörfern draußen ist, dominieren sehr intensiv bewirtschaftete Felder. Auf diesen Feldern grasen dann meist viele Kühe, Schafe oder ein paar Pferde. Auf den nicht beweideten Feldern wurde dafür umso intensiver gedüngt oder irgendwelche Herbizide ausgebracht um alle unerwünschten Pflanzen im Mais oder Getreide abzutöten. Auch wenn in China vermutlich ähnlich viel gedüngt und sicher auch so viel Herbizide ausgebracht wurden, so gibt es einen großen Unterschied. In China wurde der Mist oder Kunstdünger von Hand vertreilt und die Herbizide durch eine tragbare Spritze ausgebracht. Hier in den Niederlanden staunte selbst ich, wo auf einer Landwirtschaft aufgewachsen war, was für riesige und teils spezialisierte Maschinen hier eingesetzt wurden um den gewünschten Ertrag möglichst effektiv und effizient zu erhöhen. Auf dem folgenden Bild seht ihr zum Beispiel ein Jauchefass, bei welchem die Jauche nicht einfach auf das Feld gespritzt wird, sondern es gibt lauter „Nadeln“ welche die Jauche direkt in den Boden „initiieren“.

Als wir nach etwa 40km bei Lauwersoog an der Nordsee angelangt waren, konnten wir auf einem großen Damm direkt entlang des Wattenmeeres fahren. 

Nach ein paar Kilometern führte der Radweg auf der anderen Seite des Dammes weiter. Hier kamen wir nicht mehr so schnell voran, denn diese Seite des Dammes wurde von Schafen bevölkert. 

Neben den Schafen sah man aber auch viele Enten, Möwen, Reiher, Gänse und allerlei andere Vögel.

Wir zwei Komiker hatten wieder den größten Spaß daran zweimal laut „määähhhh määähhh“ zu schreien und dann auf die Antwort der Schafe zu warten, die meist von einem der jüngeren Schafe kam. Besonders ein Schaf hatte es uns angetan, welches auf der Dammkrone stand und laut zu uns herunter blöckte, wenn wir zuvor unser „määähhh“ gerufen hatten.

Aber die unzähligen Schafe machten aus dem Radweg auch einen Hindernislauf und so konnten wir ihnen manchmal nur knapp ausweichen.

Neben den Schafen konnten wir aber auch viele sehr schöne Häuser betrachten. Diese werden meist aus Backsteinen gebaut und sind oft relativ klein, was sie richtig schön aussehen lässt. 

Da alle Häuser in einem recht ähnlichen Stil gebaut sind wirken die Dörfer und Städte sehr harmonisch.

Manchmal stand mitten in der Landschaft aber auch ein großes Haus wie dieses. Aber da auch hier das Dach mit Schilfstroh bedeckt war wirkte es nicht wie ein Fremdkörper, sondern passte gut in die Landschaft.

Um uns ein Abendessen kochen zu können, mussten wir ja auch noch unsere Benzinflache für den Kocher auffüllen und staunten nicht schlecht als wir diese winzig kleine Dorftankstelle fanden. Hier musste ich keinen Führerschein vorzeigen und betteln um an Benzin zu kommen, sondern die Zapfsäule wollte nur unsere Bankomatkarte und schon sprudelte das Benzin in unsere Flasche. Wie einfach das doch sein kann ☺.

Einen versteckten Zeltplatz im flachen Westfriesland zu finden war dann fast unmöglich und so zelteten wir auf einem Feldweg umgeben von Wiesen.

Am Donnerstag, 11. Mai, gab es seit langem wieder Müsli zum Frühstück. Dieses Mal jedoch nicht mit Pulvermilch angerührt, sondern mit richtiger Milch. Mhhhmnmnm. Nachdem wir uns die Bäuche vollgeschlagen hatten fuhren wir weiter durch das schöne Westfriesland. Wir passierten wieder viele schöne Dörfer und begegneten am Damm entlang wieder Unmengen an Schafen. Aber diese Wollknäuel waren einfach zu lustig anzuschauen. So kugelrund die alten Schafe aufgrund der dicken Wolle waren, so dicke Bäuchlein hatten die Jungen.

Wenn wir mal keinen Schafen ausweichen mussten, so genossen wir den Blick auf die Tulpenfelder. Interessanterweise sahen wir viele Felder bei denen den Tulpen mit einer Maschine die Blütenblätter abgezupft wurden. Da diese Blütenblätter anschließend aber einfach auf dem Boden verfaulten geht es vermutlich um die Zucht von Tulpenzwiebeln.

Manchmal begegneten wir einer schönen alten Windmühle, die früher dazu eingesetzt wurden um ein Schaufelrad oder eine Wasserschnecke anzutreiben und so das Land zu entwässern oder mit denen Korn gemahlen oder Holz gesägt wurde. Viele dieser mittlerweile 400 Jahre alten Mühlen funktionieren noch einwandfrei. Ob die neueste Generation an Windrädern auch so lange ihren Dienst versehen werden?

Einfach schön so ein altes Windrad…

Hier hieß es bitte warten! Ein Schiff wollte unter der Brücke durch…

In Harlingen angekommen bestaunten wir wieder die schönen Häuser, Kanäle und Schiffe. 

Während wir mit dem Rad fuhren kamen wir an unzähligen Häusern vorbei bei denen ein Schild stand auf dem es „Te Koop“ (zu verkaufen) hieß und uns interessierte mal wie viel die Häuser hier so kosten. Wenn das Haus dann verkauft war so stand auf dem Schild oder beim Immobilienhändler „Verkocht“ (= verkauft). 

Nach Harlingen ging es dann 30km lang über einen Damm nach Den Oever. Hier auf dem Damm umzingelt vom Meer zu fahren war richtig beeindruckend.

Bei einer Autobahnraststätte inmitten auf dem Damm wollten wir Wasser auffüllen, aber man sagte uns, dass wir dies nicht dürfen, sondern Mineralwasser kaufen müssen. Da wir nicht bereit waren das teure Mineralwasser zu kaufen, machten wir uns wieder auf den Weg. Plötzlich hatten wir das Gefühl vor uns stiege Rauch auf. Regula dachte es wäre vom Auspuff eines Traktors und ich dachte es wäre der Rauch aus dem Schornstein eines Schiffs, aber wir lagen beide falsch. Es handelte sich um Millionen von Insekten die in riesigen Schwärmen im Kreis flogen und so von der Ferne wie eine emporsteigende rauchsäule aussahen.

Tulpenfelder gab es auch in der Provinz Nordholland immer wieder zu sehen. Besonders schön waren diese, wenn wie auf folgendem Bild verschiedenfarbige Tulpen angepflanzt waren.

Wie in Westfriesland, gab es auch in Nordholland noch viele kleine niedliche Häuser. Wir fragten uns immer wieder wie die großen Niederländer da drin Platz hatten ☺.

An diesem Tag fuhren wir begünstigt durch leichten Rückenwind 125km und bauten unser Zelt versteckt zwischen Sanddünen in der Nähe von Sint Maartenszee an der Westküste von Nordholland auf. 

Von einer Düne aus konnten wir eine wunderbare Abendstimmung beobachten…

Wir genossen einen schönen Abend mit Butterbrot, Hauswürsten und ganz viel Senf.

Am Freitagmorgen, 12. Mai, gab es dann Müsli und Honigbrote … Lecker!

Nach dem ausgiebigen Frühstück machten wir uns auf den Weg nach Amsterdam. Dort durften wir die folgende Nacht bei zwei jungen Radfahrern vom Warmshowersnetzwek verbringen. Zuerst ging es noch trocken durch einen Teil der Dünen.

Aber schon nach wenigen Kilometern fing es an zu regnen. 

Trotz des Regens hatten wir gute Laune, aber vielleicht lag das nicht nur daran, dass wir wussten heute Abend ein trockenes Zimmer zu haben, sondern auch an den witzigen Hinweisschilder der Niederländer.

Den Gänsen machte der Regen nicht viel aus…

Kurz vor Amsterdam machte der Regen dann mal eine Pause und so kochten wir beim Fahrradabstellplatz eines Bahnhofs Mittagessen…

Um von Zaandam nach Amsterdam zu kommen mussten wir eine kurze Fähre nehmen. Fahrradfreundlich wie die Niederlande ist, mussten alle Autofahrer die Überfahrt bezahlen, aber Fahrräder (Fietsen) und Mopeds (Bromfietsen) waren frei.

Kurz Sonnentanken auf der Fähre…

Vor wir zu unseren Gastgebern zur Wohnung fuhren gönnten wir uns noch einen super leckeren Burrito. Die hatten wir aus den USA echt vermisst.

Mit vollem Bauch fuhren wir dann zu Anneloes & Adrien, wo wir von Anneloes herzlich empfangen wurden. Nach einer Dusche machten wir uns schon wieder auf den Weg um auf eine Geburtstagsfeier einer Freundin von Anneloes zu gehen. Diese fand in einem netten Lokal etwas außerhalb Amsterdams statt. Mit der ersten Band die live spielte war es noch sehr witzig, aber leider drehte die zweite Band viel zu laut auf, sodass die meisten Gäste nach draußen gingen. So standen auch wir bald mit vielen anderen rund um ein Feuer und erzählten Geschichten. Irgendwann kamen wir drauf, dass die Mutter des Geburtstagskindes aus St. Gallen kommt und so hatten wir noch manch witziges Gespräch in unserem alemannischen Dialekt. Wie so oft haben wir wieder erlebt wie klein doch diese Welt sein kann. Punkt Mitternacht war dann aber Sperrstunde und wir fuhren auf unseren Fahrrädern zurück zur Wohnung und vielen todmüde aufs Bett.

Samstag, 13. Mai, nutzten wir den Vormittag um Amsterdam etwas zu erkunden. Auch hier gab es viele alte Häuser, die teils bedenklich schief standen, aber für unseren Geschmack waren zu viele Touristen in der Altstadt und durch die Größe hatte es nicht den Charme von Groningen oder anderen kleinen Städten.

Leider regnete es an diesem Tag immer wieder und so war es ein ständiges an- und ausziehen der Regenkleider.

Sogar dieser Bronzefigur tropfte das Wasser von der Nase…

Trotz des Regens tummelten sich die Touristen auf den Sightseeingbooten.

Wie auch sonst überall in den Niederlanden dominierten auch hier die Fahrräder und zwar gleich in verschiedensten Varianten.

Einmal mit montiertem Extrasitz für Kinder…

Hier mit ganz vielen Hupen…

Hier als Hollandschuh getarnt…

Und hier die Luxusvariante für den Transport von Kindern…

Bei einer Brücke entdeckten wir dann etwas was uns sehr nachdenklich stimmte. Und zwar nistete hier eine Enten Familie auf einem kleinen schwimmenden Holzbrett.

Das Nest darauf hatten sie aus Plastikabfällen die im Wasser trieben gebaut. 

Am Nachmittag ging es dann zurück zu Anneloes und Adrien, wo wir mit den beiden noch über ihre geplante Fahrrad-Weltreise sprachen und ihnen ein paar Tipps gaben. Dann machten wir uns auf den Weg zu einem anderen Warmshowers Paar etwas außerhalb von Amsterdam. 

Als wir dort ankamen waren die Gastgeber ziemlich überrascht über unser kommen, denn sie hatten unsere letzte E-Mail übersehen und dachten wohl, dass wir nicht mehr kommen würden. Da wir die beiden gerade während des Abendessens unterbrochen hatten setzten wir uns zu ihnen und aßen unser mitgebrachtes Brot mit Humus. Danach war Fernsehzeit, denn heute Abend lief der Eurovision Songcontest. Einen Teils sahen wir mit Trudy und Jos noch an, aber wir zeigten ihnen während dessen auch Bilder unserer Reise. Als uns langsam die Augen zu vielen gingen wir ins Bett und überliesen die auftretenden Sänger dem Votingschicksal anderer.

Aktueller Standort: Plettenberg (Deutschland 🇩🇪)

Aktueller Kilometerstand: 15 038 Kilometer

Nächstes Ziel: Fulda (Deutschland 🇩🇪)

Johannes

Ein Gedanke zu „Im Radlerparadies“

  1. Hallo ihr lieben Beiden,
    wir vermissen euch schon!! Wir wollten noch so vieles fragen, erzählen, zeigen, mitgeben und , und , und…. Die Zeit war irgendwie einfach zu kurz.
    Es war total schön, dass ihr uns besucht habt und wir hoffen, dass ihr heute noch gut weitergekommen seid und unsere Sauerländer Hügel gut gemeistert habt.
    Wir hätten aber heute auch früher frühstücken können, nachdem ich gesehen habe, um welche Zeit ihr schon ausgeschlafen wart und geschrieben habt!!!!!
    Obwohl zigmal durchs Haus gelaufen, habe ich doch vergessen euch den Honig einzupacken, der hier aus der Region stammt von befreundeten Imkern. Ärgerlich!!!!!
    Nun wünschen wir euch weiterhin angenehmes Wetter, möglichst ohne den Sauerländer Regen, viele interessante Eindrücke und immer wieder freundliche Menschen, die bereit sind, euch zu helfen.
    Gute Fahrt,
    herzlichst Herbert und Waltraud

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