Ein Land vom Wind angetrieben

Beschriebener Streckenabschnitt: Zaandam (Niederlande 🇳🇱) – Borculo (Niederlande 🇳🇱); 205,7 km; 3 Tage (14.05.2017 – 16.05.2017)

Nach einem tiefen Schlaf in dem Bett bei unseren Warmshowers Gastgebern bekamen wir am Sonntagmorgen (14.05.2017) eine Tasse Tee angeboten und machten uns unser eigenes Frühstück. Kurz darauf packten wir auch schon die Taschen wieder zusammen, posierten noch für ein Foto und schon folgten wir Jos aus Zaandam raus. 

Jos führte uns noch durch ein kleines Dorf mit alten niedlichen Häusern.

Bei einem Freilichtmuseum, wo für Touristen extra ein altertümliches Dorf mit Häusern und Windmühlen aufgebaut wurde, verabschiedeten wir uns von Jos und bestaunten die chinesischen Touristenscharen fast mehr als die Anlage selbst. Freudig grüßte Regula die chinesischen Touristen mit einem lauten „Nihao“.

Es gab so viele chinesische Touristen, dass wir uns wie in China fühlten und die wenigen anderen Touristen sowie Niederländer eben die Touristen waren. Verrückt ist diese Welt.

Da mittlerweile die Sonne blendete, wollte ich die Sonnenbrille aus dem Microfasersäckchen im Etui nehmen und da passierte es. Ein „Klack“ und die Brille war in zwei Teile zerbrochen. 

Jetzt hatte ich erst zwei Wochen davor meine Sportsonnenbrille in Abu Dhabi am Flughafen liegen lassen und nun war meine zweite auch noch kaputt. Verdammt! Aber ich brauchte die Brille um weiterfahren zu können und so klebte ich sie mir mit Tape zusammen.

Mit der provisorisch reparierten Brille konnten wir die Fahrt wieder aufnehmen. Nach ein paar Kilometern endete der Radweg direkt vor einem Wasserkanal. Zur Überquerung des Kanals für Fußgänger und Radfahrer war die wohl kleinste Fähre eingerichtet, die wir je sahen. Gemütlich schipperte uns der Kapitän des kleinen Fährboots ans andere Ufer. 

Weiter ging es durch kleine gemütliche Städtchen und Dörfer…

Bis wir in der Nähe von Schermerhorn bei drei Windrädern ankamen, von denen eines ein Museum ist. Regula war ein paar Tage zuvor bereits mit ihrem Vater hier und so begeistert davon gewesen, dass sie die Windmühle zusammen mit mir nochmals besichtigte.

Vor wir aber das Museum betraten mussten wir unseren Hunger stillen und kochten deshalb direkt vor der Windmühle auf dem Parkplatz Spaghetti.

Mit vollem Bauch machten wir uns dann auf die Windmühle aus der Nähe zu betrachten.

Wir lernten, dass diese um Anfang des siebzehnten Jahrhunderts gebaut wurden um das Land zu entwässern und das jede Windmühle das Wasser um etwa 1,8m anheben kann. Je nach Höhe des Dammes mussten zur Entwässerung einer Fläche also manchmal gleich mehrere Windmühlen nebeneinander aufgebaut werden die jeweils das Wasser um „eine Stufe“ weiter beförderten. 

Das eigentlich faszinierende an den Windmühlen war aber, dass jene die erhalten wurden seit über 400 Jahren in Betrieb sind und auch wenn sie längst von modernen elektrisch betriebenen Entwässerungsanlagen ersetzt wurden, so funktionieren sie immer noch und können im Notfall zu Unterstützung eingesetzt werden.

Da man diese Museumsmühle betreten konnte, machten wir uns im Inneren auf den Weg ganz nach oben.

Oben wurde ein großes Zahnrad von den Windsegeln angetrieben und dieses wiederum trieb einen langen dicken Balken an, der die Bewegung nach unten zur Wasserschnecke übertrug.

Als wir ganz oben in der Windmühle standen sauste plötzlich der „Bremsbalken“ runter und brachte das Windrad zum stehen. Kurze Zeit später kam der diensthabende „Windmühlenmeister“ (wir nennem den jetzt einfach mal so) und verstellte den Mühlenkopf, sodass die Windsegel wieder richtig zur geänderten Windrichtung standen. Wir redeten ein wenig mit dem Mann uns so erfuhren wir, dass er seit über 30 Jahren in einer Windmühle lebt und es seine große Leidenschaft ist zu sehen wie diese sich im Wind drehen. Deshalb und weil er diese Tradition erhalten möchte arbeitet er auch freiwillig beim Museumsverein mit. Wir jedenfalls waren begeistert von seiner Motivation und liesen ihn zurück zu seiner eigenen Windmühle fahren.

Um zu veranschaulichen wie eine Wasserschnecke funktioniert war draußen ein kleines Modell aufgebaut, an welchem ich ein wenig herumkurbeln konnte…

In dieser Windmühle lebte der Mann der uns die Museumswindmühle gezeigt hatte…

Nach dem Museumsbesuch fuhren wir weiter in Richtung Enkhuizen. Da heute, 14. Mai, zwei Freundinnen von Regula Geburtstag hatten, gönnten wir uns einen leckeren Kuchen ☺. 

Schafe sahen wir zwar immer noch manchmal welche, aber hier waren viel weniger als ganz im Norden. Dafür watschelten viele Enten und Gänse herum, sowie schwammen unzählige Schwäne im Meer.

In Enkhuizen bestaunten wir noch ein paar schöne Segelboote…

…und dann fuhren wir auf den Damm in Richtung Lelystad auf und schlugen bereits nach ein paar hundert Metern unser Zelt auf der Meerseite auf. Wir kochten uns was feines und als wir dann im Bett lagen sprachen wir noch lange darüber was wir in unserem Leben wohl noch alles „erleben“ würden, wie unsere Reise weitergehen sollte,…

Abendstimmung von unserem Zeltplatz aus…

Der Montag brach an und nach Müsli zum Frühstück (wir freuten uns noch immer über richtige Milch!), hieß es relativ langweilige 30km auf dem Damm entlang der Autobahn zu fahren. Kurz nach dem Damm kamen wir nach Lelystad, eine hässliche Stadt, erfreuten uns dann aber an diesem alten Schiff…

Irgendwie war das heute nicht so ganz unser Tag, denn die Landschaft wurde langweiliger und wir fragten uns mit jeder Stunde mehr und mehr ob es schon die richtige Entscheidung war in Europa weiterzufahren und nicht irgend ein anderes spannendes Land zu bereisen. So diskutierten wir viele Länder durch die uns noch interessieren würden, zu einem Ergebnis kamen wir aber nicht…

Dafür entdeckten wir bei einer kleinen Pause diesen älteren Mann auf einer sehr kreativen Maschine. Was er mit seinem „Spezial-Bromfietsen“ da eigentlich auf dem Feld machte wissen wir nicht, aber lustig sah es aus….

Nun kamen wir durch das Flevoland, eine Gegend wo unzählige Windräder standen. 

Bei über 100 Windrädern habe ich aufgehört zu zählen…

Wenn jedes dieser Windräder auch schon nur 1 Megawatt liefert (vermutlich ist es etwas mehr), so wurde hier bei fast dauerhaftem Wind viel „Windenergie“ in elektrische umgewandelt. Zwischen den Windrädern grasten oft große Kuhherden.

Die Niederlande scheint wirklich ein Land zu sein, dass vom Wind angetrieben wird. Auch wir bekamen den Wind zu spüren – nur leider wurden wir von ihm gebremst anstatt angetrieben ☺.

Da wir wieder Mal der „Fahrradnavigation“ von maps.me vertrauten, kamen wir auf Niederlands Top Fahrradwegnetz durch teils wunderschöne Wege inmitten der Felder…

…aber manchmal mussten wir den Weg auch mit Brommobiel (Mopedautos) teilen 😔.

Bei einer Brücke entdeckten wir dann folgendes Lastschiff, welches so voll gefüllt war, dass es noch tiefer im Wasser lag als die Schiffe in Vietnam…

… das Wasser lief sogar leicht über die Außenwände…

Am Abend landeten wir in einem schönen Waldstück und während Regula uns etwas leckeres kochte musste ich mal wieder einen Platten flicken. Seit dem zweitletzten Radtag in China plagten mich immer wieder winzig kleine Löcher in meinem Schlauch beim Hinterrad, sodass die Luft über zwei Tage hinweg sehr langsam ausströmte. Aber ich fand den Grund warum die Löcher entstanden einfach nicht. Heute hatte ich Glück und ertastete ein winzig kleines Drähtchen das sich durch den Mantel gebohrt hatte. Hoffentlich das letzte Andenken dieser Art an den chinesischen LKW Verkehr, denn das Drätchen dürfte wohl noch aus China von einem LKW Reifen stammen. 

Ich nutzte die Gelegenheit aber auch gleich um bei mir mal wieder den hinteren mit dem vorderen Mantel zu tauschen und einen kleinen komplett Service bei beiden Fahrrädern zu machen.

Währenddessen hatte Regula uns zwei Hamburger angebraten…

…und ein kleines feines Essen mit Kartoffeln und Gemüse als Beilage zubereitet.

Nach dem Essen verzogen wir uns von dem Rastplatz tiefer in den Wald hinein und stellten dort unser Zelt auf. Während den etwa 50m durch den Wald laufen hatten sich bereits drei Zecken auf meinem Fuß niedergelassen (aber zum Glück noch nicht festgebissen)… Oh Mann die Blöden Vieher hatten uns gerade noch gefehlt!

Am Dienstag, 16. Mai, ging es dann anfangs durch mehrere Waldabschnitte…

…ein Naturschutzgebiet…

…und nochmals durch schönen Buchenwald.

Wir kamen an Pferden die halb als Zebras getarnt rumlaufen mussten vorbei…

…oder grüßten kleine Ponys.

Das Zelt schlugen wir schließlich etwa 20km bei Borculo vor der deutschen Grenze in einem kleinen Wald (natürlich gab es auch hier wieder Zecken) auf. Der Boden war durch die vielen Buchenblätter bereits so weich, dass wir fast auf unsere Campingmatten verzichten hätten können…

Aktueller Standort: Fulda (Deutschland 🇩🇪)

Aktueller Kilometerstand: 15 276 Kilometer

Nächstes Ziel: Dresden (Deutschland 🇩🇪)

Johannes

2 Gedanken zu „Ein Land vom Wind angetrieben“

  1. Dresden und die neuen Deutschen Bundesländer kann ich euch wirklich empfehlen. Bin schon den Oder-Neisse Radweg sowie die Inseln an der Ostseeküste abgeradelt. Sehr freundliche Leute und günstig!

  2. Jetzt habe ich aber das Gefühl, dass ihr vom Wind (eventuell sogar N- oder NW-Wind) angetrieben wurdet. Willkommen in der Heimat und viele Grüße!

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