Angekommen


Beschriebenerr Streckenabschnitt: Wien (Österreich 🇦🇹) – Klaus (Österreich 🇦🇹), ab Mureck mit der Bahn; 304 km; 8 Tage (14.06.2017 – 29.06.2017)

Am Mittwoch Morgen, 14. Juni, klingelte der Wecker bereits kurz nach 5 Uhr morgens. Müde rafften wir uns auf, um zum Wiener Hauptbahnhof zu laufen. Wir hatten nämlich zwei Sparschiene Tickets für den 6:30 Uhr Railjet nach Feldkirch ergattert. Nur mit etwas Essen und ein paar nicht mehr benötigten warmen Kleider ausgerüstet, die Fahrräder hatten wir in der Wohnung gelassen, betraten wir den Zug und rauschten schon bald Richtung Westen. Es war ein komisches Gefühl nach Hause zu fahren, denn mit dem erreichen von Wien hatten wir trotz anderweitiger Pläne irgendwie das Gefühl zu Hause angekommen zu sein und damit die Radreise abgeschlossen zu haben. So sehr wir uns freuten nach Hause zu kommen, genauso viel Angst hatten wir auch. Wir waren nun 10 Monate in einem völlig anderen Leben unterwegs gewesen und zu Hause wartete das alte Leben wieder. Nicht, dass das alte Leben schlecht war, aber nach über 10 Monaten auf der Straße als quasi „Nomade“ macht man sich viele Gedanken über die Gesellschaft und wie leicht es denn wieder wird in das alte Leben zurück zu finden oder was man alles ändern möchte. Durch diese vielen Gedanken, die uns beschäftigten, verging die Zeit gefühlt sehr schnell und so erreichten wir am frühen Nachmittag Feldkirch, von wo aus wir den Regionalzug nach Klaus nahmen. Vom Bahnhof liefen wir wie üblich am Bach entlang nach Hause und nach dem wir die Türschwelle übertreten hatten und wir all unsere Sachen gemeinsam anschauten, überkamen uns die Gefühle und wir vergossen die eine oder andere Träne. Wer noch nie solange weg war und dabei ein so anderes Leben führte, kann sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen, wie es ist vom Leben auf der Straße wieder zurück zu kommen in die eingerichtete Wohnung mit all den Möbeln, Gegenständen und Bildern, die sich in unserer bisherigen Lebensgeschichte angesammelt haben.

Am Donnerstag gab’s ein feines Frühstück mit Hochzeitsmarmelade und getrocknetem Brautstrauss und viele Errinnerungen kamen wieder auf…

Dann packte uns das Ausmist-Fieber und so trennten wir uns von ein paar alten Kleidern und anderen Sachen, die schon seit Jahren ihren Platz im Kleiderschrank nicht mehr verlassen hatten. Nach einem Jahr auf dem Rad, weiss man wie viel einfacher das Leben mit wenigen Sachen ist.

Dann ging’s auf Besucherunde. Dafür stellte sich natürlich als erstes die Frage, was man sich nun jetzt anziehen soll. Wir standen vor dem vollen Kasten – schlussendlich griffen wir zu unseren gewohnten Reisekleidern in der Radtasche – unser Ernst. Erste Station: Eltern und Grosseltern von Johannes, wo wir freundlich begrüsst und mit Eis gestärkt wurden.

Anschließend radelten wir auf unseren Mountainbikes nach Feldkirch auf die Letze um dort Regula’s Mama zu besuchen. Wir freuten uns sehr sie zu sehen und waren anfänglich total überrascht, da das Haus gerade frisch gestrichen wurde und für uns mit der neuen Farbe einen fröhlichen Eindruck machte. Gerlind begrüßte uns freundlich und schon nach kurzem plaudern machten wir einen Spaziergang rund um die Letze. Es war ein schöner Tag, die Natur blühte und so hatten wir alle unsere Freude an dem Spaziergang. Als wir zurück waren, knurrte der Magen und so genossen wir einen Rhabarberkuchen, den Gerlind zusammen mit ihrer Pflegerin gebacken hatte. Als dann gegen Abend der Himmel mit Regenwolken drohte, machten wir uns auf den Weg nach Hause und schafften es noch trocken bis nach Hause zu kommen.

Am Freitag dann die Hochzeit von unseren Freunden. Ein komisches Gefühl schöne Kleider nach so langer Zeit zu tragen. Ich zudem noch hohe Schuhe. Aber irgendwie war’s auch schön sich wieder mal schick zu machen und man sah, so schick die Kleider auch waren, immer noch das wir zwei Radfahrer sind.

Nach einem ruhigen Wochenende ging’s am Montag bzw. Dienstag (ich hatte noch eine Zahnarzttermin) zurück nach Wien. Am Mittwoch ging’s zurück auf’s Rad.

Wir fuhren wieder an die Donau und dann am linken Donauufer in Richtung Ungarn. Schon bald waren wir hungrig und machten Rast in der glühenden Mittagshitze.

Wir genossen den Nationalpark Donauauen und waren überrascht wie schnell man in Wien wieder zurück „im Grünen“ ist. In der Höhe von Orth an der Donau ging’s mit einem kleinen Schiffchen über die Donau und dann Richtung Süden nach Neusiedl am See. Sehr schön war, dass wir an unsere Hochzeit vor einem Jahr errinnert wurden, denn das Korn war reif und sah wunderschön im Abendlicht aus. Das Bild im Kornfeld von Johannes seinen Eltern an unserem Hochzeitstag war für uns unvergesslich…

Am Wegrand fanden wir kleine süsse Kirschen und schlugen uns den Magen damit voll…

Am Abend kochten wir thailändisches Curry am Neusiedler See und genossen den warmen Sommerabend. In Vorarlberg hatten wir einen zusätzlichen Kochtopf eingepackt (wir hatten extra einen in Deutschland bestellt) und freuten uns, dass wir ab nun für unsere Kochkünste nicht mehr nur einen knapp 2 Liter Kochtopf zur Verfügung haben. Ein Wunder, dass wir mit diesem kleinen Töpfchen ein Jahr lang satt wurden…

Es war so ein schöner Abend, dass wir noch ein wenig weiterfuhren, in Podersdorf in der Dunkelheit noch in den See sprangen. Springen lag aber nicht wirklich drinnen, denn der See ist an seiner tiefsten Stelle gerade etwas über 2 Meter tief, dafür war’s angenehm warm. Spätabends verkrochen wir uns mit unserem Zelt ins Schilf.

Am nächsten Tag ging’s mit der Fähre von Illmitz nach Mörbisch am See.

Durch Ungarn ging’s weiter Richtung Süden…

…in Ungarn sah die Welt wieder ein wenig anders aus.

Besonders gut gefielen uns die vielen unbewirtschafteten Wiesen, die wir hier im Osten von Österreich und Ungarn oft sahen. So etwas kennen wir von uns zu Hause nicht…

Nach der Rückkehr nach Österreich (wir waren nur ein paar Stunden in Ungarn) fing die Landschaft  an hügelig zu werden. Und so ging’s immer wieder steil hinauf…

…und hinunter. Insbesondere dann wenn man den beschilderten Radwegen nachfuhr.

Spezielle Architektur am Strassenrand…

Der Weg blieb ein Auf und Ab, doch das Ziel, nämlich das nette Häuschen von  Johannes’s Tante und ihrem Freund, waren absehbar.

Am späten Abend erreichten wir dann endlich das tolle Haus von Irene und Arnold. Besonders stauten wir über den neuen Lehmanbau, den wir zum ersten Mal sahen.

Wir fühlten uns auf Anhieb wohl in Litzelsdorf…

…und verbrachten ganze 3 Tage bei Irene und Arnold und liessen uns durch ihre Kreativität inspirieren.

An einem Tag besuchten wir Arnold’s Schwester in der Steiermark, wo’s zu meiner grossen Freude mein Lieblingsessen gab.

Am 27.6. nahmen wir Abschied in Litzelsdorf und fuhren ab Burgau auf dem Eurovelo Radweg Nr. 9 in Richtung Slowenische Grenze. In jeder grösseren Ortschaft hiessen uns dieselben Geschäfte willkommen, aber…

…wir setzen uns lieber an den Strassenrand zu den Gänsen anstatt ins Einkaufszentrum.

Der Eurovelo Radweg Nr. 9 war ein ständiges Gekurve durch die Hügellandschaft…

…und Auf- und Ab mit Steigungen, die wir nicht mehr als radtauglich bezeichnen würden…

Johannes musste seiner Frau regelmässig gut zureden…

…und an ihrem Rad herumbasteln, um zu sehen, ob man vielleicht doch nicht einen Düsenantrieb einbauen könnte. Das hat er nicht geschafft, doch zumindest blockierten die Bremsen ab dieser Pause nicht mehr!

In der Südsteiermark gab es sehr viele Thermen und entsprechend viele Unterkuntsmöglichkeiten…

…doch wir bevorzugten immer unseren Zeltplatz im Feld.

Dieser Morgen, der 28.6., sollte unser letzter auf unserer Radtour sein, doch von dem hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung.

Am Vormittag staunten wir welchen Stellenwert runde Geburtstage in der Südsteiermark haben…

…und wie zersiedelt die Ortschaften in dieser Gegend sind.

Am frühen Nachmittag erreichten wir bereits Mureck, denn der Verlauf vom Eurovelo Radweg Nr. 9 war uns schon bald zu blöd und wir nahmen Abkürzungen. In Mureck knurrte der Bauch, am Himmel zogen dunkle Wolken auf und wir gingen auf die Suche nach einer Einkehrmöglichkeit. Keine Chance und so endeten wir wieder einmal vor dem Spar mit Schinkenbrötchen. Ich fragte Johannes, ob er noch Lust hätte weiterzufahren. Er antwortete nicht wirklich und so war die Sache schon bald klar. Wir fanden eine halbwegs günstige Zugverbindung nach Vorarlberg und entschieden kurzerhand unsere Radreise definitiv zu beenden.

Der Hauptgrund war, dass wir keinen Mehrwert am Weiterradeln mehr sahen. Wir sahen kaum Menschen und die Gegend veränderte sich nur wenig, obwohl wir zugeben müssen, das das Radfahren hier im Osten von Österreich wieder interessanter war als in Deutschland. Trotzdem war’s für uns nicht mehr genug Grund zum unsere Reise bis nach Vorarlberg fortzusetzen.

Zwei Stunden nach dem Entscheid standen wir am Bahnhof in Mureck, von wo uns ein Regionalzug nach Graz, von dort ein Eurocity nach Salzburg und dann ein Railjet nach Innsbruck brachte…

 

…und erreichen somit um Mitternacht Innsbruck Hauptbahnhof, wo wir die Nacht verbringen mussten. Dank Campingmatte und Schlafsack kann auch eine Nacht im Bahnhof ganz bequem sein. Erst am frühen Morgen wurden wir von der Security geweckt mit der Bitte unseren Schlafplatz zu räumen, ansonsten drohte ein Strafzettel.

Am 29.6.2017 um 9 Uhr erreichten wir mit dem Railjet Feldkirch und fuhren dann mit den Rädern nach Klaus…

…, wo wir unser altes Häuschen nach 16 670 Kilometer und knappen 11 Monaten erreichten und unsere einzigartige Fahrradweltreise somit beendeten. Wir sind sehr froh, dass wir eine solche Reise gesund beenden konnten. Einziger Wehmutstropfen war, dass ich meine rote Fleecejacke auf der Rückreise von Innsbruck im Zug liegen gelassen hatte und von OEBB nicht auffindbar war. Kaum zu glauben, dass man seine Jacke nach so langer Zeit noch liegen lässt…

Am Abend gab’s eine wunderschöne Abendstimmung und wir merkten, dass es der richtige Entscheid war heimzukommen.

Zu Hause warteten viele neue Aufgaben auf uns…

… und wir freuten uns ein Gästezimmer für unsere Freunde und Warmshowers Gäste einzurichten um ein wenig Gastfreundschaft, die wir im letzten Jahr erleben durften, zurückgeben zu können.

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Lesern unseres Blogs bedanken. Der Reiseblog ist mit diesem Artikel quasi abgeschlossen, doch wir werden noch an den Länderfazits von den in Europa bereisten Länder, Materialliste usw. arbeiten.

Wir hoffen, dass wir euch ein wenig mitreisen lassen konnten und freuen uns auf ein baldiges persönliches Wiedersehen.

Regula & Johannes

Ein Gedanke zu „Angekommen“

  1. Liebe Regula, lieber Johannes
    Nachdem ihr nach 11 Monaten auf Tour gesund und munter wieder in eures Zuhause in Klaus zurückgekehrt seid und zwischenzeitlich auch den letzten Reisebericht geschrieben habt, möchte ich euch beglückwünschen, wie ihr euren langjährigen Reisetraum eingefädelt und realisiert habt. Hut ab! 11 Monate lang auf dem Velo in der weiten Welt unterwegs zu sein und auf die hier gängigen Bequemlichkeiten zu verzichten, die Strapazen von 16’670 km auf dem Velosattel zu ertragen und zu verdauen, Hitze und Kälte wie auch Hunger und Durst zu trotzen, bei Wind und Wetter auch in unwegsamem Gelände im Zelt zu übernachten, und trotz all dieser Widerwärtigkeiten so aufeinander Rücksicht zu nehmen, dass ihr die Reise gemeinsam gestartet und beendet habt, das zeugt von einer ausgesprochenen Fähigkeit zu Härte zu sich selbst und zu einfühlsamer Rücksichtnahme dem anderen gegenüber. Mögen euch diese Fähigkeiten während eures gemeinsamen Lebens auch im „zivilierten“ Alltag erhalten bleiben!
    Ganz speziell bedanken möchte ich mich für die interessanten und bebilderten Reiseberichte, die es mir gestatteten, von der warmen Stube aus mitzureisen.
    Ich wünsche euch einen guten Wiedereinstieg ins neue „alte“ Leben
    Erwin (Papa von Regula)

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